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Dogma der Unzufriedenen

Die politische Wirkung der “Dolchstoßlegende” 1918

Der seit Herbst 1918 in der deutschen Propaganda gebräuchliche Begriff “Dolchstoß”, dem die Behauptung zugrunde liegt, daß für den Kriegsausgang nicht das militärische Kräfteverhältnis, sondern das Versagen der Heimat verantwortlich sei, ist nichts weiter als eine die Geschichte fälschende Zwecklüge. Diese anschauliche Bezeichnung, die schon bald in der Rechtspresse auftauchte und sehr rasch eine außerordentliche Verbreitung fand, wurde zum allgemeinen Schlagwort für die These, die Heimat sei der kämpfenden Front in den Rücken gefallen.
Auf die deutsche Bevölkerung hatte die Tatsache vom verlorenen Krieg, den die Oberste Heeresleitung (General Paul von Hindenburg und General Erich von Ludendorff) öffentlich vor den Parteiführern am 2. Oktober 1918 eingestehen mußte, wie ein Schock gewirkt, zu sehr und viel zu lange hatte man blind den Erfolgen und den Siegesmeldungen vertraut. Die militärische Niederlage wurde zunächst nicht wahrgenommen bzw. verdrängt, zumal auch Reichspräsident Friedrich Ebert heimkehrende Frontsoldaten mit den Worten begrüßte: “Kein Feind hat Euch überwunden!” Wie alle führenden deutschen Militärs gehörte auch Hindenburg zu den eifrigen Verfechtern der “Dolchstoßlegende”: “Wir waren am Ende! Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen, so stürzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der übriggebliebenen Kräfte unseres Heeres für den späteren Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft.”Entstehung einer LegendeHindenburg, der in der Bevölkerung ein großes Ansehen genoß, untermauerte diese Deutung des Zusammenbruchs, indem er sich am 18. November 1919, vor dem Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung auf die angebliche Äußerung des englischen Generals und Chefs der britischen Militärmission in Berlin, Sir Neill Malcolm, berief, der nach dem Waffenstillstand die Klage Ludendorffs gegenüber der deutschen Regierung und Bevölkerung in der Frage zusammengefaßt haben soll: “You mean that you were stabbed in the back?”Tatsächlich fand das Bild vom Dolchstoß mit ausländischer Hilfe eine noch stärkere und wirksamere Verbreitung, doch es war nicht Malcolm, der diesen Begriff “erfand”. Der Ursprung dieser Legende ist vielmehr auf den britischen General Sir Frederick Maurice zurückzuführen. Diesem wiederum wurden von einem Schweizer Korrespondenten der Neuen Züricher Zeitung, der zwei Artikel des Generals über die Ursachen der deutschen Niederlage referierte, die Worte in den Mund gelegt: “Was die deutsche Armee betrifft, so kann die allgemeine Ansicht in das Wort zusammengefaßt werden: sie wurde von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht”.Unhaltbare SchuldzuweisungenDie “Dolchstoßlegende” ging davon aus, daß 1918 ohne Ausbruch der Novemberrevolution, für die die militärische Führung vor allem die unzufriedene, meuternde und monarchiefeindliche Arbeiterschaft verantwortlich machte, die Chance eines Kompromißfriedens bestanden hätte. Man warf den Sozialdemokraten und Pazifisten zu Unrecht vor, sie hätten 1914 die Kriegsanstrengungen unterminiert und damit den deutschen Sieg sabotiert: “Die Demokraten und Sozialdemokraten haben die Front erdolcht, sie haben damit über unser Volk den Erzbergerschen Schmach-, Hunger- und Mordfrieden gebracht. Unser Elend ist ihr Werk. Gebt die Quittung für den Dolchstoß bei den Wahlen.” In den kommenden Jahren wurde die “Dolchstoßlegende” trotz ihrer sachlichen Unhaltbarkeit – zwischen 1919 und 1925 hatte sich ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuß damit befaßt – zum grundlegenden Element einer Rechtfertigungsideologie des preußisch-nationalen Militärs und zur Propagandaparole der konservativen und nationalsozialistischen Opposition gegen die Regierung. Bereits vor der Errichtung der Münchner Räterepublik (April 1919) und vor der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles (Juni 1919) kündigte der Alldeutsche Verband, eine mitgliederstarke deutsch-nationale Vereinigung, im Februar 1919 dem zum “Novemberstaat” disqualifizierten demokratischen Regierungssystem einen unerbittlichen Kampf an. Auf den Punkt brachte es der Berliner Philosophieprofessor und Theologe Ernst Troeltsch im Dezember 1919: “Die große historische Legende, auf der die ganze Reaktion beruht, daß eine siegreiche Armee meuchlings und rücklings von den vaterlandslosen Gesellen der Heimat erdolcht sei, ist damit zum Dogma und zur Fahne der Unzufriedenen geworden.”So wurde die “Dolchstoßlegende” letztlich zum tödlichen Dolchstoß, den die Nationalsozialisten unter ihrem Anführer Adolf Hitler in ihrem innenpolitischen Kampf gegen die Weimarer Parteien der ersten demokratischen Republik auf deutschem Boden versetzten.

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