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Die Inszenierung des Zweiten Weltkrieges

Ein makaberes Schauspiel dient als Vorwand des deutschen Angriffs auf Polen

Zum 22. August 1939 hatte Hitler die Oberbefehlshaber der Teilstreitkräfte, der Heeresgruppen und Armeen und entsprechende Führungsoffiziere von Luftwaffe und Kriegsmarine auf den Obersalzberg befohlen, um ihnen seinen “unwiderruflichen Entschluß zu handeln” bekanntzugeben. Im Verlauf seiner Ansprache führte er aus: “Ich werde propagandistischen Anlaß zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Bei Beginn und Führung des Krieges kommt es nicht auf das Recht an, sondern auf den Sieg…” Hinter diesen Worten Hitlers verbarg sich ein bereits in der Ausführung befindlicher Plan, den der “Führer”, Reichsführer-SS Himmler und der Chef der Sicherheitspolizei und des SD (Sicherheitsdienst der SS) Heydrich bei einer Besprechung im kleinsten Kreise Anfang August 1939 gefaßt hatten. Es sollte ein Kriegsgrund gefunden werden, der Polen vor der Weltöffentlichkeit als Herausforderer des Deutschen Reiches erscheinen ließ.

In der Nacht vor dem deutschen Angriff sollten entlang der deutsch-polnischen Grenze SS-Trupps, verkleidet als polnische Freischärler und Soldaten, Grenzzwischenfälle vortäuschen. Der Rundfunksender Gleiwitz sollte “überfallen” und Dienstgebäude an anderen Orten “angegriffen” werden.

SS-Gruppenführer Heydrich persönlich wählte die Objekte aus und erkundete sie.

Das Unternehmen erhielt den Decknamen “Tannenberg”, und — das war der grausamste Teil des Plans — es sollte mit blutiger Realistik ablaufen. An den Schauplätzen würden Tote zurückbleiben, um die Korrespondenten der internationalen Presse mit Tatort-Fotos zu überzeugen und die Goebbelsche Propaganda zu unterstützen.

Woher sollten die Toten kommen? Das war für Heydrich kein Problem. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) würde im Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen Häftlinge für diesen Zweck auswählen, sie zum gegebenen Zeitpunkt präparieren, töten und zu den Schauplätzen bringen. Die Opfer wurden in der Unmenschen-Sprache der SS als “Konserven” bezeichnet.Penible Vorbereitung

In Bernau bei Berlin befand sich die Fechtschule der SS. Im Ferienmonat August lag der Schulbetrieb still. Dorthin wurden nun rund 300 SS-Männer aus Standorten in Oberschlesien telegrafisch ohne nähere Begründung kommandiert. Fast alle besaßen polnische Sprachkenntnisse. Ihre SS-Uniformen, Ausweispapiere, Privatsachen, sogar Eheringe mußten sie abgeben und erhielten Uniformen der deutschen Grenzpolizei und Drillichzeug. Es wurde Ausgangssperre verfügt. Privatbriefe unterlagen der Kontrolle und liefen über eine Berliner Deckadresse.

Neben der üblichen Ausbildung erfolgte die Vermittlung von polnischer Kommandosprache und das Erlernen von polnischen Soldatenliedern; Haar- und Barttracht mußten dem vorgeblichen Aussehen polnischer Soldaten entsprechen.

Den SS-Männern wurde ihr zukünftiger Einsatz nicht bekanntgegeben. Sie wurden jedoch zu strengster Verschwiegenheit verpflichtet; Verletzung der Geheimhaltung werde mit Todesstrafe und Sippenhaft der Angehörigen geahndet.

Dem Kommandostab dieser SS-Sonderformation wurden inzwischen 150 polnische Uniformen, Soldbücher und Gewehre mit Munition zugeführt. Diese Ausrüstung stammte von polnischen Soldaten, die im Laufe der Zeit als Deutschstämmige sich dem polnischen Wehrdienst durch Desertion nach Deutschland entzogen hatten.

Im KZ Sachsenhausen waren durch Gestapo-Beamte zwölf Häftlinge ausgewählt worden. Sie wurden von den übrigen Gefangenen abgesondert und in Einzelzellen verwahrt.

Das kleinste SS-Kontingent in Stärke von sieben Mann, darunter ein Fernmeldetechniker, unter dem Befehl eines SS-Sturmbannführers, bereitete sich auf den “Überfall” auf den Sender Gleiwitz vor und erkundete unauffällig die Umgebung des Objekts. Die Gestapo übernahm die Abschottung dieser Aktion gegenüber örtlichen Behörden speziell der Polizei und die Sicherstellung der Verbindung mit Berlin. Es durfte nicht gefunkt sondern nur verschleiert telefoniert werden.Durchführung mit makabren Details

Am 24. August rückte die SS-Sondereinheit aus Bernau in geschlossenen LKW nach Oberschlesien ab und wurde in grenznahen, unauffälligen und nach Beziehen hermetisch abgeriegelten Quartieren untergebracht.

Da Hitler den Angriffsbefehl ursprünglich für den 26. August erteilt hatte und ihn aus politischen Gründen kurzfristig zurückzog, wäre das bereits angelaufene SS-Unternehmen fast enttarnt worden. Die Teileinheiten konnten nur unter Schwierigkeiten in die Ausgangsquartiere zurückgeführt werden. Auf Heydrichs Befehl wurde das Führungspersonal ausgewechselt, Mannschaftsstärke und Planungsumfang wurden reduziert. Für den Überfall auf den Sender Gleiwitz wurde nun auch ein ermordeter Häftling als “Beweisobjekt” vorgesehen. Ein als polenfreundlich bekannter Handelsvertreter aus Oppeln wurde für diesen Zweck ausersehen. Der schuldlose Mensch wurde von der Gestapo verhaftet und ohne die üblichen Formalitäten in Gewahrsam genommen.

Am 31. August begann der endgültige Ablauf der Aktionen. Um 20 Uhr traf das auf den Sender Gleiwitz angesetzte SS-Kommando in PKW und Zivilkleidung vor dem Gebäudekomplex ein und drang in den Senderaum vor. Die Männer drohten mit ihren Pistolen, riefen Befehle in polnischer und deutscher Sprache. Das bestürzte, natürlich uneingeweihte Senderpersonal wurde gefesselt und unter Bewachung in einen Kellerraum gesperrt.

Nach einiger Zeit und Mühe gelang es den SS-Leuten die Sendung des von Breslau übernommenen Abendprogramms zu unterbrechen und den vorbereiteten kurzen Text in deutscher und polnischer Sprache ins Mikrophon zu rufen: “Achtung, Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand… Hoch lebe Polen!” (So erinnerten sich befragte Zeugen nach dem Kriege; der genaue Wortlaut ist nicht überliefert.) Zur Untermalung der Sendung wurden Schüsse in die Decke des Raumes abgefeuert.

Dann verließ der SS-Trupp eiligst den Objektbereich und begab sich auf den Rückmarsch. Gestapobeamte hatten den zunächst betäubten, dann ermordeten Oppelner Häftling am Eingang des Senderaums niedergelegt. Der Tote hatte als “polnischer Angreifer” zu gelten.

Das Senderpersonal wurde seiner Fesseln entledigt und zu strengstem Stillschweigen verpflichtet. Die auf Grund des Radio-Aufrufs von ziviler Seite alarmierte, nicht eingeweihte Gleiwitzter Polizei wurde von den Gestapobeamten unter Hinweis auf eigene Zuständigkeit abgewiesen. Die Beamten machten von dem Ermordeten Blitzlichtaufnahmen und sandten sie mit Kurierflugzeug nach Berlin. Im Gestapoamt wurden die Fotos als nicht eindrucksvoll befunden. Heydrich befahl, weitere 2 Häftlinge des KZ Sachsenhausen zu töten, die Leichen nach Gleiwitz zu fliegen und grell beleuchtet im Sendergebäude zu fotografieren. Mit größter Eilfertigkeit wurde dieser grausige Befehl ausgeführt.Scheingefechte und ermordete KZ-Häftlinge als “Statisten”

Zum Zeitpunkt der “Erstürmung” des Rundfunksenders erhielten die beiden anderen SS-Einheiten das Stichwort zum Antreten. Der Abmarsch mit LKW vollzog sich aus Tarnungsgründen erst bei Dunkelheit.

Am Forsthaus Pitschen, dessen Bewohner zuvor in Urlaub geschickt worden waren, wurde von den in Räuberzivil verkleideten “polnischen Insurgenten” Kampflärm erzeugt durch Schüsse in die Luft und auf das Gebäude. Im Haus wurde Mobiliar demoliert und als Menschenblut erscheinendes Rinderblut verspritzt. Als der alarmierte, uneingeweihte Bürgermeister von Pitschen am Tatort eintraf, war das SS-Kommando bereits auf dem Rückmarsch zum Quartier.

Am Zollhaus Hochlinden begann die Aktion am Morgen des ersten Kriegstags, am 1. September um 4 Uhr; früh genug, um eine Begegnung mit dem dort vorrückenden Heeresverband zu vermeiden. Die Zollbeamten waren bereits am Vortag an einen anderen Grenzabschnitt abgezogen worden. Die SS-“Angreifer” trugen polnische Uniformen und Waffen und schossen scharf, um Beschädigungen am Zollhaus zu erzielen. Die “Verteidiger” waren in Grenzpolizeiuniform und erwiderten das Feuer mit Platzmunition.

Inzwischen brachten Gestapobeamte die in polnische Uniformen gekleideten, zunächst betäubten und dann durch Schüsse in Brust und Rücken ermordeten KZ-Häftlinge mit KFz herbei und verteilten sie als “Gefallene” im Gelände beim Zollhaus.Danach trat ein weiterer Teil der SS-Einheit in Grenzpolizeiuniform als “Gegenstoßkräfte” auf den Plan und nahm die “Angreifer gefangen”.

Während die Gestapobeamten die Leichen der KZ-Häftlinge wieder abtransportierten, nachdem sie sie mit Blitzlicht fotografiert hatten, wurden die “polnischen Gefangenen” von ihren SS-Kameraden im Laufschritt durch den Ort Hochlinden geführt. Die “Gefangenen” schimpften und redeten polnisch, um der deutschen Bevölkerung den Eindruck einer schweren Grenzverletzung zu vermitteln. Außerhalb des Ortes wurde auf die LKW aufgesessen und während der Fahrt die polnischen Uniformen gegen Drillichzeug gewechselt.

Ehe die SS-Formation nach Bernau zurückfuhr, mußte noch ein düsterer Auftrag ausgeführt werden. Die nur mit Unterwäsche bekleideten Leichen der KZ-Häftlinge wurden in einem Waldstück verscharrt, nachdem die Gesichter der Toten mit Beil- und Spatenhieben unkenntlich gemacht worden waren.

Vor Verabschiedung der SS-Leute in ihre Heimatstandorte mußten sie erneut eine Verschwiegenheitsverpflichtung mit schwerster Strafandrohung unterschreiben. Sie wurden nicht zur Wehrmacht eingezogen, um ein Ausplaudern bei etwaiger Kriegsgefangenschaft zu verhindern.Hitlers Inszenierung verfängt nicht

Die in der Nacht zum 1. September 1939 für 10 Uhr anberaumte Reichstagssitzung zeigte einen etwas nervös wirkenden Hitler in feldgrauer Uniform ohne Rangabzeichen.

In seiner verhältnismäßig kurzen, mit großem Pathos nicht nur an die Abgeordneten, sondern auch an die Weltöffentlichkeit gerichteten Rede erklärte der “Führer”: “Polen hat nun heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch durch reguläre Soldaten geschossen. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten! Wer mit Gift kämpft, wird mit Giftgas bekämpft, wer sich selbst von den Regeln einer humanen Kriegsführung entfernt, kann von uns nichts anderes erwarten…”

Da die nationalsozilastische Propaganda bei ihren Entrüstungsfeldzügen das Vertrauen der Weltöffentlichkeit verloren hatte, ließen sich die meisten ausländischen Journalisten in Deutschland von Hitlers Schuldzuweisungen nicht beeindrucken und berichteten entsprechend skeptisch.

Hitlergegner im Amt Ausland / Abwehr, aus dessen Asservatenbestand die polnischen Uniformen stammten, hatten dafür gesorgt, daß der wirkliche Sachverhalt der “Grenzverletzungen” bei der britischen Botschaft in Berlin bekannt wurde. So verfing Hitlers Hoffnung nicht, in letzter Minute einen Keil zwischen die Westmächte und Polen zu treiben.

Obgleich der Reichsrundfunk schon am 31. August um 22.30 Uhr “sehr ernste Zwischenfälle” an der deutsch-polnischen Grenze gemeldet hatte und die deutschen Zeitungen vom 1. September in Meldungen über “Untaten polnischer Aufständischer” schwelgten, verpuffte die psychologisch-propagandistische Wirkung auf die deutsche Bevölkerung weitgehend, weil der Sender Gleiwitz nur eine begrenzte Reichweite hatte und sein Programm vom Sender Breslau übernahm. Der “polnische Kampfaufruf” war daher nur örtlich hörbar gewesen. Um ihn reichsweit auszustrahlen, hätten entsprechende Vorbereitungen beim Deutschlandsender Berlin erfolgen müssen. Das hatte SS-Führer Heydrich nicht bedacht. Abgesehen davon war das Interesse der Menschen auf die eingetretenen Kriegsereignisse konzentriert. Die makabren Fotos aus Gleiwitz und Hochlinden sind nicht veröffentlicht worden.

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