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Paul von Lettow-Vorbeck

Ein preussischer Guerillero

„Es herrschte eine feierliche Stimmung, auch bei den Askaris, und ich war nicht der einzige, der feststellte, wie schön auch diese Leute trotz wulstiger Lippen und aufgeworfener Nasenlöcher aussehen können“, erinnerte sich Paul von Lettow-Vorbeck an den 5. November 1914, nachdem die deutsche Schutztruppe in Südostafrika einen Landungsversuch der Engländer zurückgeschlagen hatte. 

Unter seinem Befehl kämpften 2400 Askaris. Das war die arabische Bezeichnung für „Soldaten“, die zumeist aus Bantu-Völkerschaften stammten. Im Jahr 1914 standen noch weniger als 200 Deutsche unter seinem Kommando, im Jahr darauf befehligte Lettow-Vorbeck 2 000 weiße und 11000 schwarze Soldaten, die Höchstzahl im vierjährigen Krieg gegen die Briten und Inder. 
     Der Mann, der die weit überlegenen Engländer vier Jahre an der Nase herumführte, tat das mit einer Taktik, die er dem Herero Jacob Morenga 1904 in Südwestafrika abgeguckt hatte. Wer war dieser „preußische Guerillero“? 
     Paul von Lettow-Vorbeck wurde 1870 in Saarlouis geboren. Sein Vater diente als Offizier in der preußischen Festung und nahm am Krieg gegen Frankreich teil. In den folgenden Jahren wohnte die Familie in den besetzten Gebieten, die Kinder sprachen ein deutsch-französisches Mischmasch. Nach Preußen zurückgekehrt, genoss Paul eine Erziehung, wie sie bei adeligen Gutsbesitzern üblich war: 
     Standesbewusstsein, Königstreue, Opfermut gehörten zu den selbstverständlichen Werten. Als Elfjähriger trat er in das Kadettenkorps ein, wo er bis zum Abitur zugleich militärisch ausgebildet wurde. Mit den Bismarcks verwandt, hatte er als Jüngling in Berlin die Gelegenheit, mit dem Reichskanzler zu Mittag zu speisen. Nach dem Besuch der Kriegsakademie trat er 1899 in den Großen Generalstab ein, wo er sich mit England und den Kolonien zu befassen hatte. Sein erster Einsatz jedoch führte ihn im folgenden Jahr nach China. 
     Von Kaiser Wilhelm II. in Bremerhaven verabschiedet, brach die Expedition nach Peking auf, um den „Boxeraufstand“ niederzuwerfen – eine Aktion, die die europäischen Kolonialmächte gemeinsam mit den USA und Japan ausführten. 
     Hier erhielt er im Januar 1901 seine Feuertaufe: „… bei dreißig Grad Kälte kamen wir nachts (…) an ein Boxernest (…), das wir überrumpelten. Nach kurzem Feuergefecht wurde gestürmt. Bei einer anderen Gelegenheit (…) wurden Boxer in ihren Quartieren festgenommen….“ Etwas später kam die Erkenntnis: „Je mehr ich in das chinesische Leben eindrang, umso bewusster wurde mir, dass man es hier mit einer von der europäischen grundverschiedenen Kultur und Lebensgestaltung zu tun hatte .“ 
     Als 1904 in der deutschen Kolonie Südwestafrika der Herero-Aufstand begann, meldete sich von Lettow freiwillig. Vordergründig ging es um den Schutz von Farmern, Frauen und Kindern, tatsächlich aber auch um Gold, Diamanten und Kupfer. Lettow- Vorbeck erlebte eine Überraschung. Die Hereros standen zwar „kulturell auf dem Standpunkt reiner Nomaden. Aber ihre Krieger hatten die Gerissenheit von Wilddieben, hatten Schusswaffen, zum Teil modernster Art und (…) waren (…) sehr beachtliche Gegner, tapfer, beweglicher als wir und im Lesen von Spuren, im Stellen von Hinterhalten und Überfallen geschickt. Dazu kam eine gerissene Spionage. Die Eingeborenen waren nicht dumm und ihre Häuptlinge zum Teil Guerillaführer von Format.“ 
     Die Situation verschärfte sich, als zusätzlich Hottentotten und Witbois (heutige Bezeichnung „Khoisan“) gegen die deutsche Herrschaft aufbegehrten. Durchweg gut bewaffnet, erwiesen sie sich als vortreffliche Schützen. Im bergigen Süden hatte ein Stamm von Hottentotten einen Herero als Führer angenommen: Jacob Morenga. Er war – so Vorbeck – „mehr als ein Bandenführer; er hatte des Burengenerals de Wet geschickte Führung im Burenkrieg studiert und führte dessen Ausarbeitung über den Kleinkrieg bei sich. Er handelte taktisch überraschend klar. Er wollte Befreiung von den Weißen und fasste sein Ziel in menschlicher Weise an, ging zu den deutschen Farmern, verlangte Waffenabgabe und Verlassen der Farmen, ohne ihnen etwas zuleide zu tun…“ Morenga und die anderen Aufständischen brachten den kaiserlichen Truppen schwere Verluste bei. Es gelang weder sie zu fassen, noch sich mit ihnen zu verständigen. Zahllose Überfälle und Gefechte erfüllten die südliche Kolonie. Schließlich versuchte von Lettow-Vorbeck einen entscheidenden Schlag gegen Morenga. 
     Mit 80 Reitern, 160 Pferden sowie einem Tross aus 140 Ochsen wollte er „den bedeutendsten der aufständischen Eingeborenen“ stellen. Nach wochenlanger Verfolgung gelang es von Lettow, ihn in einem Gebirge zu stellen und ihm auf 400 Metern Entfernung ein Gefecht aufzuzwingen. „Das Feuer wurde allgemein. Jacob Morengas Bruder tat einen großen Sprung und fiel mit Kopfschuss. (…) Aber auch der Feind schoss sehr gut. Plötzlich vor meinem Kopf ein starker Knall: Sprenggeschoss. Ich hatte das Empfinden eines starken Schlages in meinem linken Auge, das wie eine rote Suppe mit schwarzen Klößen in meinem Kopf zu schwappen schien. Auch meine Nachbarn hatten Splitter erhalten.“ Morenga entkam, allerdings war der Großteil seiner Leute gefallen. Er begab sich zu einer Missionsstation, trank dort mit dem Pfarrer Kaffee und sagte in Burensprache: „De Hoftman von Lettow had sin sak goed gemakt.“ Dieser hatte Glück: sein Auge blieb erhalten, wenn auch mit minimaler Sehkraft. 
     Zurück in Deutschland wurde von Lettow- Vorbeck schnell befördert. Einer Zeit in Kassel folgten mehrere Jahre bei der kaiserlichen Marine in Wilhemshaven. Ende 1913 erhielt er die Befehlsgewalt über die deutsche Schutztruppe in Südostafrika, heute Tanzania. Anfang 1914 traf er in Daressalam ein. Bald geriet er in einen Gegensatz zum Zivilgouverneur. Dieser war der Meinung, dass im Kriegsfalle vor Ort nicht gekämpft werden solle, da die deutschen Kolonien militärisch ohnehin nicht zu halten seien. Außerdem dürften Weiße nicht gemeinsam mit Schwarzen gegen Weiße kämpfen. Lettow-Vorbeck sah das anders. Er lernte Suaheli, studierte die Kultur der Afrikaner sowie den politischen Aufbau der Stämme. Noch 1914 kam es zur Machtprobe. 
     Im August 1914 begann der Weltkrieg, im November beschloss von Lettow, die in Daressalam landenden Briten anzugreifen. Sein militärischer Sieg war zugleich ein Sieg über den Zivilgouverneur. Lettow übernahm nun die gesamte innere Verwaltung der Kolonie, brachte die Truppenzahl auf 3 000 weiße und 11 000 schwarze Soldaten und baute eine Kriegswirtschaft auf. Was zuvor aus Übersee bezogen worden war, stellte man nun in der Kolonie her: Kleidung und Schuhe, Chinin, sogar Reifen und Benzin. Männer und Frauen, Deutsche und Afrikaner arbeiteten und kämpften gegen Briten und Inder. 
     Gegen Britisch-Ostafrika und die Uganda- Bahn führte von Lettow nun einen zähen Kleinkrieg. Züge, Brücken und Gleise fielen ihm zum Opfer. Sein Ziel bestand darin, britische Truppen so lange wie möglich an den afrikanischen Schauplatz zu binden, um so die deutsche Front in Europa zu entlasten. 1916 marschierte das erste große Kontingent von Briten, Indern und Südafrikanern gegen die Deutschen und Askaris auf. Diese vermieden wegen ihrer geringen Zahl die offene Schlacht, statt dessen zogen sie im Zickzack durch das Land, hier und da kleine Schläge austeilend. Der Krieg dauerte an und schuf den Gegnern neue Feinde: Hitze, Strapazen, Krankheiten. Der winterliche Regen brachte alles zum Erliegen. 1917 war die deutsche Seite stark dezimiert, vor allem fehlte es ihr an Munition und Waffen. Im November 1917 kamen die Briten immer näher. Als sie die Schlinge fast zugezogen hatten, reduzierte der preußische Guerillero die ihm verbliebene Truppe auf den kleinsten und stärksten Rest: mit 300 weißen und 1 700 schwarzen Kämpfern brach er nochmals aus, die schwächeren ergaben sich. Der verwegenste Coup sollte jedoch noch erfolgen. Nach einem Marsch in südliche Richtung brach von Lettow in die portugiesische Kolonie ein und griff mehrere Depots an. Waffen, Munition und Proviant fielen in seine Hände. Mit erstklassiger Ausstattung zog er sich dann wieder ins Innere Afrikas zurück. Die Briten hatten inzwischen 120 000 Mann gegen von Lettow mobilisiert. Mit ihren langen, schwerfälligen Versorgungslinien konnten sie ihn indessen nicht fangen. Der Preuße hatte von Morenga gelernt und ernährte sich aus dem Lande. Die deutschen Unteroffiziere entwickelten sich zu Kleinkriegführern, die „mit vierzig Mann und einem Maschinengewehr ein Bataillon angriffen und schlugen.“ Schließlich ahmten die Engländer die deutsche Taktik nach. Im Jahr 1918 reduzierten und verselbständigten sie ihre Kompanien. Zu spät. Von Lettow hatte einen großen Vorsprung, zog sich Richtung des belgischen Kongo zurück und konnte hier bis Kriegsende ausharren. Außerhalb der deutschen Kolonie, doch „im Felde unbesiegt“. Zu seinen letzten Amtshandlungen gehörte es, den Askaris Gutscheine auf den Sold auszustellen. 1926 wurde er ausgezahlt. 
     In der Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges spielte von Lettow umstrittene Rollen. Im Sommer 1919 erhielt er den Auftrag, in Hamburg aufständische Spartakisten niederzuwerfen. War dieser Einsatz durchaus im Sinne der jungen Republik, so orientierte sich Lettow- Vorbeck doch weiter an monarchischen Vorstellungen. Sozialdemokratische Offiziere empfand er als Elemente einer falschen Politisierung der Armee. Ähnlich sah er im Reichspräsidenten Ebert „eine erhebliche Zumutung.“ 
     Sein Eigenwille und seine politische Orientierung ließen den General am Kapp-Putsch teilnehmen, angezettelt von den adeligen Gruppen, die nur sich selbst als Verkörperung des „Vaterlandes“ verstanden. Der Putsch scheiterte – waren doch die Siegermächte im Land und verweigerte sich die klügere Hälfte der Reichswehr. Paul von Lettow-Vorbeck hatte seinen Abschied zu nehmen. Schriftstellerische Arbeiten, eine Bankkarriere in Bremen und ein Reichstagsmandat der Deutschen Nationalen Volkspartei, die er 1930 wieder verließ, folgten. Von den nationalsozialistischen Machthabern als „reaktionär“ (Goebbels Tagebücher I/5, S. 108) eingestuft und in Distanz zum NSRegime, verlor er im Zweiten Weltkrieg zwei Söhne und sein Haus in Bremen wurde zerstört. Die alten „Ostafrikaner“ verschafften ihm zuletzt ein neues Heim in Hamburg. Im Auftrage einer Illustrierten konnte er in den 50er Jahren nochmals seine ehemaligen Wirkungsstätten in Übersee bereisen. Dabei erkannte er, dass die alten Urteile und Meinungen, für die er ins Feld gezogen war, keine Gültigkeit mehr besaßen. „Die Reisen haben mir auch vor Augen geführt, … wie schnell auch aus einfachen Schwarzen Menschen mit beträchtlicher Kultur werden können, die ihr Schicksal selbst bestimmen und frei von Bevormundung werden wollen.“ 1964 im Alter von 94 Jahren starb er in Hamburg als ein Mann, der die Niederlagen seines Landes mit Mut und Tapferkeit ausgefochten und die Verluste standhaft ertragen hatte.

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