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Amerikaner im Kosovo

Daten und Fakten zum Einsatz der U.S. Friedenstruppe auf dem Balkan

Staff Sergeant James Bondsteel fiel am 14. Mai1969 im Kampf gegen den Vietcong, nachdem er zuvor dem Feind großen Schaden zugefügt hatte. Für die U.S. Army ist er ein Held und deshalb ein würdiger Namenspatron für das bei Urosevac gelegene, über 320 Hektar große Camp Bondsteel, Hauptquartier der Multinationalen Brigade Ost und der U.S. Truppen im Kosovo. In dieser größten amerikanischen Auslandsbasis seit dem Vietnamkrieg, umgeben von Erdwällen, Wachtürmen und Stacheldraht, sind rund 4000 US-Soldaten stationiert. Das sind zwei Drittel der Task Force Falcon, der amerikanischen Friedenstruppe im Kosovo. Hinzu kommen Einheiten aus Griechenland, Litauen, Polen, Russland und der Ukraine. Rückwärtiger Versorgungsstützpunkt ist Camp Able Sentry bei Skopje in Mazedonien.

Amerikanische Soldaten sind an ein Lagerleben fern der oft grausamen Realität im Stationierungsgebiet gewöhnt.

In diesen Camps sowie an einigen weiteren Orten im Kosovo hat der amerikanische Militärsoziologe Professor Charles C. Moskos im Herbst vergangenen Jahres eine Reihe von Untersuchungen angestellt: teilnehmende Beobachtungen, Tiefeninterviews und eine schriftliche Befragung von 320 Soldaten. Die Befunde sind öffentlich, ebenso die darauf beruhenden Empfehlungen. Obschon in den vergangenen fünf Jahren rund 72000 deutsche Soldaten auf dem Balkan eingesetzt waren, gibt es vergleichbare und ebenso frei zugängliche Untersuchungen über die Bundeswehr bislang nicht.

Befestigte Feldlager

Die Stationierungspolitik der Amerikaner ist mit europäischen Gepflogenheiten nicht vergleichbar. Wegen der meist hohen Gefährdung der U S-Soldaten besteht das Pentagon bei Einsätzen im Ausland auf der Errichtung riesiger befestigter Feldlager. Die Times of London bezeichnete Camp Bondsteel in ihrer Ausgabe vom 6. Oktober 1999 als „die Mutter aller Camps“, und Moskos berichtet über den im Kosovo kursierenden Witz, wonach nunmehr zwei menschliche Bauwerke mit bloßem Auge vom Mond aus zu erkennen sind: die Große Chinesische Mauer und Camp Bondsteel.

Ausgang gibt es für die US-Soldaten aus Sicherheitsgründen grundsätzlich nicht. Das Camp macht deshalb seinen Bewohnern ein „all inclusive“-Angebot. Mehr als 1000 Zivilbeschäftigte, meist Kosovo-Albaner im Dienst ziviler Kontraktfirmen, sorgen für das Wohl der Soldaten. Geboten wird alles, was es in einer amerikanischen Kleinstadt auch gibt: Bibliothek, Burger King und Body-Building, Kino, Kirchen und Krankenhaus, Supermarkt und Sportanlagen. Die Soldaten verfügen über Zeitungen, Fernseher und Videogeräte, und sie haben E-Mail- und Internet-Zugang. Fast 60 Prozent der US-Soldaten nutzen das Internet täglich, weitere 20 Prozent mindestens einmal pro Woche. Ein Brief aus Deutschland braucht drei Tage, aus den USA eine Woche.

Isolierter Lebenstil

Amerikanische Soldaten sind an ein Lagerleben fern der oft grausamen Realität im Stationierungsgebiet gewöhnt. Der isolierte Lebensstil hinterlässt dennoch Spuren. Moskos fand eine deutlich bessere Stimmung und eine höhere Dienstmoral bei den Truppenteilen, deren dienstliche Tätigkeit sie aus dem Camp herausbrachte, zum Beispiel als Militärpolizisten oder Verbindungsleute, zur Teilnahme an Patrouillen, zur Bewachung von Kontrollpunkten oder zur Räumung und Beseitigung von Kampfmitteln. Soldaten mit Routineaufgaben in Logistik und Administration, die im Lager bleiben müssen, klagten eher über Langeweile. Wie bei anderen Untersuchungen bestätigte sich auch hier, dass die Truppenmoral zu Beginn eines peacekeeping-Unternehmens am höchsten ist und im Verlauf der typischen sechsmonatigen Stationierungsdauer stetig abnimmt.

Alles in allem ist die Moral der Truppe aber in Ordnung. Disziplin und Berufszufriedenheit sind hoch, die Unfallzahlen und Krankmeldungen dagegen niedrig. Es gibt mehr Weiterverpflichtungen als in den USA. Verpflichtungsprämien in der Task Force Falcon sind steuerfrei. Woanders sind sie das meistens nicht. Die Verpflegung wird als ausgezeichnet gerühmt, wahrscheinlich ist sie die beste im gesamten U.S. Militär. Allerdings existiert ein totales Alkoholverbot, das aber allgemein akzeptiert wird. Rassenprobleme gibt es nicht mehr. Aktive Soldaten und Reservisten arbeiten gut zusammen. Das gilt auch für die Kooperation von Soldaten und Zivilisten. Etwas Neid wegen der besseren Bezahlung der Zivilbeschäftigten gibt es hingegen schon. Reservisten bewerten den Einsatz im Kosovo übrigens noch positiver und sinnvoller als die aktiven Soldaten. Die Einstellung gegenüber der örtlichen Bevölkerung ist wohlwollend-neutral. Auch die Serben werden inzwischen mehr als Opfer der falschen Politik ihrer Anführer gesehen, und nicht ausschließlich als die Täter.

Schlechter Start

Das Auftreten der US-Soldaten zu Beginn des Einsatzes im Kosovo stand unter keinem guten Stern: Jugendliche wurden verprügelt, Frauen belästigt, Demonstranten mit der Waffe bedroht. Trauriger Höhepunkt war der Sexualmord an einem elfjährigen Kind. Die daraufhin eingeleitete Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die Soldaten die Grenzen der ihnen gestellten Aufgaben häufig überschritten und damit auch gegen die Grundwerte der Armee verstoßen hatten, dem Nächsten mit Anstand, Würde und Respekt zu begegnen.

Die im Kosovo eingesetzten Kampfeinheiten waren für schnelle militärische Interventionen in Krisengebieten ausgebildet, nicht aber dafür, polizeiliche Funktionen zu übernehmen. Ihre „Kampfmentalität“ hätte für die ganz anders gearteten Aufgaben der Friedenssicherung „gedämpft“ werden müssen. Die Wahl von Vietnamkämpfer James Bondsteel zum Namensgeber für das Camp einer Friedenstruppe war deshalb keine sonderlich glückliche Entscheidung.

Die Mehrheit der Soldaten äußerte in der Moskos-Untersuchung, dass dem Einsatz als Friedenstruppe ein zusätzliches Training vorausgehen sollte. Gleichzeitig kritisierten die Befragten ihre Ausbildung als zu theoretisch und zu wenig an Alltagsproblemen orientiert. Dazu zählten die Soldaten beispielsweise das richtige Vorgehen bei Durchsuchungen, Verhaftungen und Leibesvisitationen, die Auflösung von Massenaufläufen und Zusammenrottungen bis hin zu der Frage, wie zu verfahren ist, wenn Kinder ein Militärfahrzeug blockieren. Die zusätzliche Ausbildung sollte überdies Kenntnisse der lokalen Sitten und Gebräuche vermitteln sowie ein – wenn auch rudimentäres – Sprachtraining einschließen.

Verhältnis zwischen Frauen und Männern verbessert

Der Frauenanteil an Task Force Falcon beträgt insgesamt 6 Prozent. In Verwaltung, Logistik und im Sanitätsdienst sind weibliche Soldaten indessen häufiger anzutreffen. Die Zusammenarbeit von Männern und Frauen wird als weitgehend selbstverständlich und als größtenteils konfliktfrei bewertet. Beschwerden gibt es in dieser Hinsicht kaum. Im Laufe des Einsatzes hat sich das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Soldaten eher verbessert. Die anhaltenden dienstlichen Belehrungen über den Umgang mit Minderheiten werden zunehmend als überflüssig empfunden. Die darauf verwendete Zeit könnte besser genutzt werden. Frauen haben einen positiven Einfluss auf die Moral der Truppe. Ihre Anwesenheit bewirkt mehr Höflichkeit im Umgang miteinander und sie sorgt für niveauvollere Gespräche. Solche Wirkungen konnten schon bei den Einsätzen in Somalia, Haiti und in Bosnien beobachtet werden.

Ein Sonderproblem sind wiederholte Vorkommnisse, bei denen Frauen falsche Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung erhoben haben, um beispielsweise versetzt zu werden, um Vorgesetzte in Verruf zu bringen oder Kameraden einzuschüchtern. Solche Verleumdungen, denen auch in der Öffentlichkeit begierig Glauben geschenkt wird, sind im U.S. Militär offenbar keine Einzelfälle. Sie bilden mittlerweile ein größeres Problem als die tatsächlichen sexuellen Übergriffe. Auch die Bundeswehr wird sich mit wachsendem Frauenanteil auf derartige Vorkommnisse einstellen müssen.

Ghetto aufbrechen

Größere Veränderungen in Organisation und Dienstbetrieb hält Moskos aufgrund seiner Untersuchungsergebnisse für nicht erforderlich. Anregungen beschränken sich im wesentlichen darauf, das Ghetto-Dasein der Soldaten durch geeignete Maßnahmen wenigstens hin und wieder zu durchbrechen. Dazu zählen beaufsichtigte Tagesausflüge zu historischen Stätten im Kosovo, gemeinsame Einkaufstouren in umliegende Ortschaften und Kurzurlaube mit der Familie oder Freunden in Mazedonien, Bulgarien und Griechenland. Auch Soldaten, deren Pflichten sie normalerweise im Lager festhalten, sollten – sofern sie das wollen – in kleinen Gruppen an Aufklärungs- und Patrouillenfahrten teilnehmen können.

Die wichtigste Empfehlung aber ist, den Dienst der Friedenstruppe auf vielerlei Weise anzuerkennen und den Soldaten immer wieder zu sagen, welche wichtige Aufgabe sie mit ihrer Anwesenheit erfüllen. Dazu gehört, die erreichten Fortschritte klar herauszustellen. Immerhin hat das Kämpfen aufgehört, der Wiederaufbau geht voran und da und dort hat sich bereits wieder Normalität eingestellt. Wie Moskos resumiert, erfüllt die Kosovo-Friedenstruppe einen Auftrag von historischer Bedeutung. Wer dabei war, kann für den Rest seines Lebens mit Stolz darauf zurückblicken. Und das gilt gewiss auch für unsere Soldaten.

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